Alice Miller, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch

Ein neues Buch von Alice Miller, Jenseits der Tabus, 2009, exclusiv im Internet

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Langes Stillen
Thursday 16 March 2006

Liebe Frau Dr. Miller,
in Ihrem Buch "Evas Erwachen" schreiben Sie auf Seite 138 (Suhrcamp 3561)im Zusammenhang mit Ihren Besuchen bei einer Stillgruppe: ..."Die Frauen wollen möglichst lange ihr Kind stillen, da sie dies als sehr wichtig für seine Entwicklung erachten. Sofern es sich um das erste Lebensjahr handelt, stimme ich dieser Meinung völlig zu."...
Den zweiten Satz interpretiere ich so, dass Sie das Stillen eines Kindes über das erste Lebensjahr hinaus nicht befürworten bzw. für bedenklich halten. Ich habe nun alle Ihre Bücher gelesen und war hier sehr überrascht,
im weiteren Verlauf des Kapitels keine Erläuterung zu dieser Aussage zu finden.
Ich würde mich sehr darüber freuen, wenn Sie mir die Gründe für Ihre "versteckte Warnung" mitteilen.
Ich bin sehr gespannt und verbleibe mit den besten Grüßen
T. W.

AM: Ich habe keine "versteckten Warnungen" gemacht, weil ich frei bin, meine Meinungen offen auszusprechen. Diese sind auch im Kapitel dieses Buches enthalten. Ihre Frage, die mir oft gestellt wird, habe ich öfters beantwortet, in mehreren Sprachen, bin aber meistens auf Missverständnisse gestoßen, weil meine Antwort, wie alles, was ich schreibe, auf Beobachtungen beruhte und nicht auf Ideologien. Wenn ich mehr Zeit habe, werde ich einen Artikel über dieses Thema schreiben. Es geht vor allem darum, dass, wie ich oft feststellte, jedes Kind sich den Wünschen der Mutter anpassen will. Wenn es spürt, dass die Mutter einsam ist und auf das fortgesetzte Stillen des Kindes emotional und sexuell angewiesen ist, wird es sich unter Umständen bis ins Alter von 4,5,6,7 Jahren so verhalten, dass sie meint, es brauche unbedingt ihre Brust. Dann missbraucht sie mE die echten Bedürfnisse des Kindes nach Autonomie für ihre Wünsche. Das kann dazu führen, dass bestimmte Chancen zur Entwicklung des eigenen Selbstbewusstseins, die gerade mit 2,3,4,vom Leben angeboten werden, verpasst werden können, und eine fast lebenslange Abhängigkeit von der Mutter zementiert wird. Wie überall, gilt es auch hier zu prüfen, wie weit unser Verhalten von unserer eigenen Kindheit (Mutter) geprägt wurde (zb ob wir ausgebeutet wurden) und wie weit wir uns frei fühlen, die WAHREN Bedürfnisse des Kindes zu erkennen. In manchen Stämmen, die viele Frauen so bewundern und sich zum Vorbild nehmen, werden Kinder sehr lange gestillt, um eine neue Schwangerschaft zu verhüten, doch kaum ist ein Nachkömmling da, wird das ältere Kind von einem Tag auf den anderen abgestillt und sich selber überlassen und die Mutter widmet sich dem Neugeborenen mit dem gleichen Eifer. Waren es die Bedurfnisse des Kindes, die sie 3 oder 4 Jahre zu befriedigen suchte, oder waren es die eigenen?

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