Alice Miller, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch

Ein neues Buch von Alice Miller, Jenseits der Tabus, 2009, exclusiv im Internet

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Der Varrat
Tuesday 22 December 2009









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Liebe Frau Miller,

ich verstehe nicht recht, was Sie mit Link, IM TEXT meinen. Soll ich Ihnen den Text nochmal schicken, aber nicht als Anhang?

Was Sie über Wut in Verbindung mit Freud und Therapie und Therapeut in Verbindung mit Schmerz schreiben, hat mich auch in den letzten Tagen beschäftigt. Weil mich ja auch immer die Frage beschäftigt hat, warum ich eigentlich nie zu einem Therapeuten gegangen bin. Ich glaube, dass unter jeder kindlichen Angst, die unschuldige Wut des Kindes ist. Sie sind die einzige, die ich kenne, deren Texte, alle die ich gelesen habe, unabhängig von den Eltern denken und fühlen kann. Ich meine, das geht nur, wenn man das Kind als völlig unschuldig für sich selbst begriffen und erfühlt hat und die Wut, die zu dieser Wahrheit passt. Ich habe mich aber auch in den letzten Tagen immer wieder gefragt, warum ich immer wieder auf das Verlassen und Verlassenwerden zurückkomme. Und dann ist mir ein Zusammenhang eingefallen, der immer da war und der doch immer mit einem Zweifel im Gefühl behaftet war. Es geht um den Verrat. Dass ein Kind, das verlassen wird auch verraten wird, immer wieder. Dass ein Kind, das geschlagen wird, auch verraten wird. Dass ein Kind den Verrat lernt und eines nie tun darf, das gleiche, seine Eltern verraten. Später mögen wir alle verraten, nur nicht unsere Eltern. Als wäre die Wahrheit des Kindes, der Verrat an den Eltern und an seiner Liebe. Ich habe dazu einen Text geschrieben, der ist aber noch nicht fertig.
Ich meine, wenn ein Therapeut die Wut nicht zulassen kann, wie auch Freud nicht, dann fühlt er sich immer noch schuldig, schuldig seine Eltern verraten zu können, wenn er sie mit seiner Wut belegt. Dabei weiß er nicht mehr, dass er als Kind verraten worden ist, und nicht er der Verräter ist. Das beschuldigte Kind, ich weiß das von mir natürlich, fühlt sich im Grunde, ganz tief, als Verräter. Die meisten Deutschen, mein Vater für mich besonders, haben alle, die im Krieg nicht waren, und die emigrierten, und auch Widerstand leisteten, Künstler, die geflohen sind, immer als Verräter bezeichnet. Im Grunde konnten sie nicht einmal nach dem Krieg Hitler als Täter sehen, weil sie sich sonst als Verräter fühlen hätten müssen.


Herzliche Grüße

Hugo Rupp

AM: In allem, was Sie geschrieben haben, wird das Kind verraten, sein Vertrauen und seine Liebe. Außerdem gibt es natürlich auch die Gehirnwäsche, den sexuellen Missbrauch, die Schläge zu deinem Besten und so viel anderes. Wenn der Erwachsene später realisiert, was ihm angetan wurde, ist das in meinen Augen kein Verrat an den Eltern, sondern die Entdeckung der Wahrheit und eine große Befreiung. Aber es stimmt, die Erziehung, wie sie noch heute praktiziert wird, verlangt vom Kind, die Untaten der Eltern niemandem zu verraten.

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