Alice Miller, Kindesmisshandlung, Kindesmissbrauch

Ein neues Buch von Alice Miller, Jenseits der Tabus, 2009, exclusiv im Internet

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Du bist wertlos
Monday 06 August 2007

Liebe Alice Miller!

Ich habe eine Krankheit. Diese besteht darin, dass ich mich immer wieder selbst im Stich lasse. Es geschieht ganz automatisch. Vorgestern kam z.B. der Flash, ich müsste mich jetzt der Bibel zuwenden und ganz nach ihr leben, dann würde meine Seele endlich erlöst werden! Bis heute habe ich das geglaubt, (zum Glück nur 2 Tage), und auf einmal ist mir eingefallen, wie ich früher mit der Bibel terrorisiert wurde. Deswegen ist die Bibel und der christliche Glaube nicht schlecht. Aber mir ist ganz schlecht geworden, weil ich mit ansehen konnte, wie ich mich einmal mehr einem „System" zugewandt habe, in der Hoffnung, dass nur noch dieses Rettung bringen könnte. Vor einigen Wochen war es eine neue Ernährungsweise plus Lebensphilosophie. Das sind - wie gesagt - alles keine schlechten Sachen, aber ich bin doch nur auf der Suche nach einer Identität, einem Lebensratgeber, einer höheren Autorität. Denn so ganz ohne all diese weisen Dinge komme ich mir so unendlich schlecht und wertlos vor. Diese Gefühle sind oft nicht zum Aushalten, deshalb wende ich mich von ihnen ab.

Ich wünschte nur, dass ich alles aushalten könnte. Und nicht ständig vor mir selbst weglaufen müsste. Ich komme ja doch immer wieder zu mir zurück, und dann fühle ich mich schuldig vor mir selbst, da ich einem fremden System wieder mehr geglaubt habe als mir. Wenn ich nur das Vertrauen zu mir hätte, das ich all die Schätze, die in irgendeinem schlauen Buch stehen, auch in mir selbst finden könnte. Dann würde sich die Anstrengung der Selbstbeschäftigung eventuell lohnen. Aber wenn ich auf mich selbst schaue, sehe ich einen wertlosen, schmutzigen, nichtstuenden Menschen, der nur noch durch harte Selbstdisziplin gerettet werden kann. Ist es da ein Wunder, dass man sich abwenden möchte? Oder eine große Fassade vor sich errichten möchte?
Mit dem Schreiben habe ich es schon ein paar mal versucht. An dem Punkt, an dem die Selbstbewertung einsetzt, gelingt es mir nicht mehr. Dann kommt mir alles, was ich geschrieben habe, wie nutzloses Geschwätz eines unreifen Jungen vor, der erst mal „seine Hausaufgaben machen muss". Können Sie sich vorstellen, wie es sich anfühlt, wenn die eigenen Gefühle durch die Bewertung durchfallen? Zu egoistisch, zu mutlos, zu abstrakt, zu asozial, usw.... Natürlich verliert der normal sterbliche Mensch gegen große Systeme wie Erleuchtung oder christlicheNächstenliebe, wenn er es darauf anlegt, sich mit ihnen zu messen! Aber sind meine kleinen Sorgen und Nöte nicht auch von Belang, selbst wenn sie nicht derart „ausgereift" sind?

Vielen Dank fürs Lesen, T.M.

AM: Lesen Sie Ihren Brief an mich EINIGE MALE, bis Sie fast daran ersticken. Dann fragen Sie sich, wer so mit Ihnen geredet hat, und was für Gefühle das bei Ihnen auslöst. Dann schreiben Sie dieser Person, was Sie fühlen (nicht denken). Und wenn Sie eine unbändige Wut verspüren, dann sollten Sie wissen, dass sie absolut berechtigt ist und seit langem darauf wartet, dass Sie Ihren Körper und Ihre Wut endlich anhören und nicht die "Systeme".

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